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Autor Thema: reloaded - Hinderk M. Emrich: Das Netz als realisierte Fiktionalität  (Gelesen 5244 mal)
admin
Gast
« am: April 26, 2008, 11:39:10 am »

28. April 2006, 20 Uhr, Kino Metropolis in der Reihe „Psyche im Film“ -
Lutz Dammbeck: „Das Netz“
Vortrag von Dr. Dr. med et phil Hinderk M. Emrich.
Medizinische Hochschule Hannover, Leiter der Bereiche Klinische Psychiatrie
und Psychotherapie
 

Das Netz als realisierte Fiktionalität –
zum Film „Das Netz“ von Lutz Dammbeck

Motto: Eine Wirklichkeit, die es nicht gibt, muss man nicht schützen.

In dem Film von Lutz Dammbeck „Das Netz“ begegnen wir einerseits einer ganz ungewöhnlichen und extremen und sicherlich auch sehr problematischen, nicht ungefährlichen Ausnahme-Persönlichkeit, dem Mathematiker Prof. Dr. Ted Kaczynski, zum anderen einem Themen-Syndrom, einer Zusammenballung von Gegenwartsfragen, die unser Leben derzeit überformen und bestimmen und die unsere Zukunft als nicht gerade einfach erscheinen lassen.
Ted Kaczynski ist eine Art übersteigerter „Kümmerer“, jemand, der sich überintensiv gekümmert und bekümmert hat. Ich beziehe diesen Begriff „Kümmerer“ von einem psychiatrischen Gutachten-Fall, einem Pädagogen, den ich vor einigen Jahren für einen Strafprozess vor dem Landgericht München begutachtet habe. Dieser Proband, der sich „Kümmerer“ nannte, versuchte, einen Fernsehsender mit Drohbriefen zu erpressen, bestimmte geschmacklose und Menschen beschämende Sendungen einzustellen. Kaczynski ging weiter als der „Kümmerer“ aus Deutschland. Er hat Bomben verschickt, die Menschen töteten oder verletzten, um ein unübersehbares Signal zu setzen und die Veröffentlichung seines „Manifesto“ zu erzwingen. Dieses Manifest, das dann tatsächlich später in der Presse erschien und zu seiner Enttarnung durch seinen eigenen Bruder führte, ist eine radikale Kulturkritik unserer Gegenwarts-Wissenschaften; dies speziell im Hinblick auf Medien, Computer, Konstruktivismus, Macht des Kapitals, Entfremdung des Menschen, LSD-Experimente etc.
Aus dieser völlig ungelösten Problemlage hat Lutz Dammbeck einen sehr spannenden Dokumentarfilm gemacht: „Das Netz“. Das, was das „Netz“ beschreibt, ist eine Wirklichkeit, in der durch das Zusammenwirken von Computer-Medialität, Medien-Realität, Konstruktivismus-Theorie und Hirnforschung, die es gestattet Psyche zu konstruieren und zu manipulieren, eine Welt entsteht, die völlig beherrschbar ist und die darum uns so genau beherrscht, dass Subjekte darin ortlos werden, sich zurückziehen müssen, in die Einsamkeit emigrieren müssen. Dabei zentriert sich der Film um die Ausnahme-Persönlichkeit Ted Kaczynski.

Nach den Vorstellungen und Konzepten der Kulturanthropologen sind Menschen wirklichkeitsschaffende Wesen, und der Prozess der Kulturbildung ist eine „Poiesis“, ein Schaffensprozess, der mit ständigen Überformungen etablierter Lebensformen einhergeht. Dabei geht dieses kulturell wirklichkeitsschaffende Prinzip in uns aus von den natürlich vorgefundenen Lebensbedingungen und Daseinsformen. Hegel spricht in seinem Hauptwerk „Phänomenologie des Geistes“, das ja diesen Prozess der Bewusstseinsbildung im Verlauf der Werdeprozesse von Kultur zu beschreiben versucht, von dem „natürlichen Bewusstsein“ aus, das sich jeweils neu in dialektischen Sprüngen selbst übersteigt und einholt und je neu „aufhebt“. In der Gegenwartssituation ist nun ein Entwicklungsschritt unserer technisch durchherrschten Wirklichkeit aufgetaucht, der von uns so erlebt werden kann, wie wenn das „natürliche Bewusstsein“ nicht mehr nur je neu ausmodelliert und differenziert wird, sondern dass vielmehr stattdessen eine Art künstliches kollektives Antibewusstsein aufsteht, das als eine Art maschinengemachte zweite Wirklichkeit, als eine Art „Gegenwirklichkeit“, autonom wird, Herrschaftsfunktionen übernimmt und unseren Kulturprozess zu kontrollieren und in die Hand zu nehmen in der Lage ist. Diese Eigendynamik eines Komplexes aus Computertechnologie, Kognitionspsychologie, Biologie und Medientechnologie scheint eine Entwicklung in Gang zu setzen, die an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert, der die Mächte, die er rief, nun nicht mehr loswerden kann.

Die Frage, wieso es in der Wirklichkeit, in der wir leben, eine zweite, eigendynamische, künstliche, technisch erzeugte Wirklichkeit geben kann, ist nicht ganz leicht zu beantworten und hat mit dem Problem der Konstruktivität des Geistes zu tun. In dem Film von Lutz Dammbeck „Das Netz“ spricht der Physiker, Technologe und konstruktivistische Philosoph Heinz von Förster den Satz aus: „Aber wo ist Realität, wo haben Sie die?“. Dies getreu der Vorstellung des radikalen Konstruktivismus, dass Realität als solche überhaupt nicht existiert, sondern letztlich illusionär ist, d.h. dass wir grundsätzlich immer Realität erst in uns konstruieren und nicht etwa mit einer präexistenten Realität in Kontakt treten und diese in uns aufnehmen können. Eine philosophische Gegenposition des intuitiv uns näheren Realismus finden wir beispielsweise in der philosophischen Lyrik von Rainer Maria Rilke, der im Rahmen seiner Dichtungsphase der „Dinggedichte“ den Satz schrieb: „Jedes Ding hat seine Würde“. Dass Wirklichkeit nicht einfach da ist, sondern – zumindest in ihrer Ausgestaltung, ihrer spezifischen Verfasstheit – auf konstruktivistischen Elementen der Verfasstheit unseres Geistes beruht, hat bereits Immanuel Kant in seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ dargestellt. Die Frage aber ist, wie wir mit der uns innewohnenden Konstruktivität des Geistes in der Anwendung von Kategorien auf Wirklichkeitselemente, auf Sinnesdaten umgehen. In der Konzeption, die Dammbeck in seinem Film „Das Netz“ vertritt, ist es so, dass unsere Gegenwartskultur dabei ist, der natürlich gegebenen Wirklichkeit nicht etwa lediglich neue kulturelle Formen überzustülpen, sondern eine zweite und zwar eine dominierende technologische Eigenwirklichkeit mit Herrschaftsanspruch entgegenzustellen, die den bisherigen Naturprozess aushebelt. Hegel sprach von „Entfremdung“. Heute wäre ein neues Wort notwendig, um die Eigentümlichkeit der kombinierten Wirkung von Künstlichkeit, Bewusstseinsveränderung, Fiktionalität, Datenmacht und Herrschaftsanspruch des Technischen über das natürlich Vorgefundene deutlich zu machen, etwa „Entwirklichkung“.

Der Film „Das Netz“ geht den historischen und wissenschaftlich/ideengeschichtlichen und technologischen Entwicklungsprozessen nach, die zu dem Konglomerat der zweiten Wirklichkeit geführt haben, die beispielsweise die Gebrüder Wachowski in ihrem Film „Matrix“ als Maschinenherrschaft kognitiver Apparate beschrieben haben. Letztlich geht es um künstlichen Geist, Geist, der in Partikeln entsteht, sich zusammenballt und als unsteuerbare Macht in Vernetzungsstrukturen ubiquitär tätig werden und so wie bei E.T.A. Hoffmann „Die Elixiere des Teufels“ aus der Flasche ausbrechen kann und menschliche Subjekte in seine Gewalt bringt. Insofern geht es auch um eine Theorie der mephistophelischen Wissenschaften, wie Goethe sie mit seinem Begriff des „Veloziferischen“ (vgl. das Buch von Herrn von Osten) in seinem Faust II beschrieb und die der große Medientheoretiker Vilem Flusser in seinem Buch „Die Geschichte des Teufels“ in folgender Weise darstellte: „Wenn es dem Menschen gelingen sollte, den ganzen Kosmos der Sinne in Symbole zu dehydrieren und wieder zurückzuschleudern, dann wäre die Wirklichkeit zurückerobert. Es gäbe dann keinen Bruch mehr zwischen Symbol und Phänomen. Die ganze Welt wäre symbolisch und sinnlich zugleich, sie wäre eine Schöpfung des menschlichen Geistes und in diesem Sinne wirklich. ... Hier also sitzt der menschliche Geist und verschlingt die Natur und verdaut sie und scheidet sie wieder aus und türmt das Ausgeschiedene um sich herum und verbirgt sich dahinter. Als Folge hiervon ist die Welt in zwei Teile zerfallen. Auf der einen Seite brodelt der Brei der Natur, in den sich der menschliche Geist sukzessive hineinißt. Auf der anderen Seite türmen sich die eroberten Instrumente. ... Darum ist die natürliche Welt nicht eigentlich wirklich.“

Nach Flusser werden wir durch die selbsterschaffene zweite Wirklichkeit, eine Art „Turm von Babylon“ (also auch nicht ganz neu), nicht reicher, sondern ärmer, denn es wird uns das subjekteigene Fluidum, das Wasser entzogen. Die Phänomene werden nicht angereichert, sondern abgereichert, sie werden ausgetrocknet. D.h. wir müssen lernen, die zweite Wirklichkeit zu desillusionieren und dürfen ihr nicht verfallen. Wir müssen lernen, die zweite Wirklichkeit uns zum Partner zu machen, sie zu domestizieren. Die Bedeutung und Tragik des Physikers Kaczynski lag darin, dass er in der Spaltung seiner Persönlichkeit, die mit Schizophrenie sicherlich nichts zu tun hatte, auf der einen Seite, wie in seinem „Manifesto“ dargestellt, hellsichtig die Gefahren der technologischen zweiten Wirklichkeit erkannte, andererseits aber keinen anderen Weg sah, als Menschen, die mit dieser Entwicklung zu tun hatten, zu bombardieren, zu beschädigen oder sogar zu töten.

Hinderk M. Emrich


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