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von Florian Rötzer
Der über Jahre hinweg meistgesuchte Terrorist der
USA, den man Unabomber
nannte und der selbst unter dem Pseudonym einer Gruppe namens "FC"
auftrat, wurde am 3. April, durch seinen Bruder an die Polizei verraten,
und festgenommen. Zumindest ist das FBI ziemlich sicher, mit dem ehemaligen
Mathematikprofessor Theodore
J. Kaczynsky den
Richtigen erwischt zu haben, der seit 1978 16 Briefbomben deponiert und
damit drei Menschen getötet und 23 verletzt hatte. Meist kamen die
Opfer aus dem Umkreis von Universitäten
wie David Gelernter von der Yale University oder hatten mit Fluggesellschaften
zu tun, weswegen man ihn auch Unabomber taufte.
Aufgespürt hatte man ihn in einer kleinen Holzhütte in den
einsamen Rocky Mountains von Montana, wo er seit vielen Jahren, ähnlich
wie Thoreau, das große amerikanische Vorbild der staatsunabhängigen,
naturbezogenen und nach Autonomie strebenden intellektuellen Pioniere,
zurückgezogen lebte. Alleine und im Selbstauftrag, ganz von seiner
Mission erfüllt, zog er wie ein Westernheld oder Rambo aus, um gegen
das Böse zu kämpfen: gegen den Staat, die Technik, die Wissenschaft,
den Kommerz, kurz: die naturferne Lebensweise der Industriegesellschaft,
die droht, ihre eigenen Lebensgrund- lagen und irgendwie auch die Freiheit
der Menschen zu vernichten.
Aufsehen erregte seine Forderung im letzten Jahr, daß große
Zeitungen ein langes von ihm verfaßtes Manifest mit dem Titel Die
Industriegesell-schaft und ihre Zukunft abdrucken sollten, wobei
er versprach, dann zumindest die Attentate auf Menschen einzustellen.
Die Zeitschrift Penthouse wollte dem Unabomber als Kompensation gleich
eine monatliche Kolumne zur Verfügung stellen. Aber Penthouse war
ihm zu wenig seriös oder zu wenig verbreitet.
Er drohte mit einem weiteren Attentat, bis schließlich die Times
und die Washington Post eine gekürzte Fassung abdruckten. Irgendwie
schien der Unabomber durch den blutigen Anschlag von rechtsgerichteten
Desperados
am 19.4.1995 in Oklahoma
City, der 168 Todesopfer gefordert hatte, verwirrt worden zu sein.
Plötzlich richtete sich das öffentliche Interesse nicht mehr
auf ihn, und der
anti-staatlich motivierte Terrorismus der Rechten verfolgte zumindest
oberflächlich ähnliche Ziele wie der selbsternannte Retter der
Menschen vor
der entfremdenden Industriegesellschaft. Er sei ärgerlich, schrieb
er, als er nach seinem Motiv gefragt wurde, den Terror aufzuhören:
"Wir bedauern zutiefst die Art des willkürlichen Gemetzels",
teilte er der Times mit, "das sich durch den Vorfall in Oklahoma
City ereignete."
Diese Geschichte ist auch hier mittlerweile bekannt, sein Manifest jedoch
weniger oder gar nicht. Gelesen und diskutiert hatte man es in Amerika
vor allem deswegen, weil er durch seine Taten die Aufmerksamkeit der Medien
fand. Die "Propaganda der Tat" ist ein altes anarchistisches
Konzept, das wie die Anarchisten selbst mit dem Massenmedium Zeitung entstand.
Und der Unabomber machte von ihr explizit und in klaren Worten Gebrauch,
weil er der sicher richtigen Meinung war, daß es für die "meisten
Individuen
und kleinen Gruppen nahezu unmöglich sei, in der Gesellschaft nur
durch Worte Aufsehen" zu erregen: "Um unsere Botschaft mit einer
gewissen Chance, einen dauerhaften Eindruck hervorzurufen, zur Öffentlichkeit
zu bringen, mußten wir Menschen töten."
Der Unabomber in den Medien
Als absoluter und puristischer Einzelgänger, der sich durch sein
Eremitendasein aus der Welt des Erfolgs und Konsums freiwillig entfernte,
gilt er als zwar kluger, aber doch verschrobener Spinner, der sich gegen
das aufzulehnen sucht, was wir offenbar selbstverständlich hinnehmen
sollen.
"Wirr" seien seine Thesen, mit denen er dazu aufrief, die Industriegesellschaft
zu zerstören, bemerkte etwa der SPIEGEL: "Im abstrakten Stil
einer Oberse- minararbeit beschrieb da einer den Dämon angeblich
nicht mehr zu bändigender Technik." Als "verrückter
Prophet und kaltblütiger Mörder zugleich", als "kopflastiger
Sonderling" wird er beschrieben, der in seiner Hütte zwar
äußerst primitiv lebte, aber "Regale voller Bücher"
besaß.
People fragt - man kennt das von der hiesigen Terroristendiskussion -
erstaunt: "Wie konnte ein brillianter junger Mensch mit all seinen
Chancen -
eine unterstützende Familie, eine gute Kindheit, eine Ivy League
Ausbildung -
zu einem Massenmörder werden?"
Ein WIRED-Autor
sieht in ihm lediglich die Gier, Berühmtheit und damit Aufmerksamkeit
als "Massenmörder" zu erlangen.
"Nicht vernetzt und ungewaschen" - eine seltsame Kombination
- sei er gewesen: ein "mountain man", der an die Stelle des
"drogenverwirrten Manson als unser Monster des digitalen Zeitalters"
getreten sei. Schließlich werde ihn,
so der Autor genüßlich, eben jene Technik überführen,
die er so verdammt hat, wenn man seine genetische Identität aus dem
Speichel, der auf den Briefmarken seiner Botschaften sich befinde, nachweisen
könne. WIRED sieht im Unabomber sowieso nur ein "altes Denken"
mit einer "alten Technologie", womit man natürlich nichts
zu tun haben will, weil man sich stets auf der Überholspur befindet.
Andere coole Netz- und High-Tech-Enthusiasten, die sich nichts kaputtmachen
lassen wollen, lästern über sein langweiliges Anarchogeschwätz.
Weil niemand ihm zuhörte, so die Schlußfolgerung, begann er
die Manager und Professoren mit seinen selbstgebastelten Bomben heimzusuchen,
um "sein lächerliches Manuskript den unschuldigen Medienkonsumenten
aufzuzwingen und sich ganz allgemein seinen Weg ins Zentrum der Aufmerksamkeit
zu bomben." Und überhaupt ist man genervt: "Es ist schon
so weit gekommen,
daß man nicht zu einer Party gehen oder in einer Bar sein kann,
ohne daß irgendwelche langweiligen "Neo-Ludditen" einen
mit seiner Zielfernrohr- philosophie der Übel der Technologie überschütten.
Je nachdem, wieviel
Alkohol man bereits getrunken hat, kann man über diese Typen ein-
oder zweimal lachen, aber nach einer gewissen Zeit wird es hart, ihrem
allzu allgemein zusammengeschusterten Angriff aus historischer Unkenntnis
und zirkulärer Logik standzuhalten. Die Anarchisten und ihre zurückgebliebenen
Hillbilly-Cousins, die Neo-Ludditen, können eine fundamentale menschliche
Wahrheit nicht verstehen: Die Menschen ziehen MTV der Lepra vor."
Überdies brauche der Unabomber uns nicht vor den Übeln des Cyberkapitalis-
mus zu warnen: "As if we didn't already know, buddy."
Cyberkultur und Zivilisationskritik
Sicher, der Unabomber hat sich erst durch seine verwerfliche, von ihm
schlicht als notwendig apostrophierte "Propaganda der Tat" in
die öffentliche Aufmerksamkeit gedrängt, doch sein Manifest
ist nicht verwirrter als
Äußerungen anderer Menschen und seine Endzeitstimmung trifft
den Nerv von vielen.
Abnormale Bedingungen unserer modernen Industriegesellschaft sind unter
anderem eine extrem hohe Bevölkerungsdichte, die Isolation des Menschen
von der Natur, die exzessive Beschleunigung des gesellschaftlichen Wandels
und der Zusammenbruch der natürlichen kleinen Gemeinschaften wie
die Großfamilie, das Dorf oder der Stamm. Seine Kritik richtet sich
gegen die Komplexität einer Gesellschaft, die durch die Technologie
immer globaler und unkontrollierbarer wird, weil damit gleichzeitig, trotz
aller Mythen von der Dezentralisierung durch den Cyberspace, ein Prozeß
der politischen und wirtschaftlichen Konzentration einhergeht. Was hierzulande
etwa von Ulrich Beck unter dem Titel der
Risikogesellschaft als organisierte Unverantwortlichkeit formuliert wurde,
hat
der Unabomber ganz ähnlich zum Ausdruck gebracht, nur daß er
daraus die Konsequenz eines Rückzugs aus dem Staat und der Technik
zieht, um dem Individuum wieder die Möglichkeit der Autonomie zu
verleihen, wie sie die Menschen vor der Industriegesellschaft, organisiert
in kleinen Gemeinschaften, noch gehabt haben sollen.
Was uns ein Gefühl der Sicherheit gibt, ist nicht eine objektive
Sicherheit, sondern das Vertrauen in unsere Fähigkeit, für uns
selbst zu sorgen. Der
primitive Mensch kann, bedroht durch wilde Tiere oder Hunger, sich selbst
verteidigen oder nach Essen suchen. Über den Erfolg seiner Tätigkeiten
hat er keine Gewißheit, aber er ist keineswegs hilflos den Bedrohungen
ausgeliefert. Das moderne Individuum wird andererseits von vielem bedroht,
gegenüber dem er hilflos ist. Unfälle bei Kernkraftwerken, Karzinogene
im Essen, Umweltverschmutzung, Krieg, steigende Steuern, das Eindringen
von großen Organisationen in sein Privatleben oder landesweite soziale
oder wirtschaftliche Phänomene, die in seine Lebensweise eingreifen.
Der Unabomber zieht aus seinem Unbehagen an der High-Tech-Welt in Form
eines Kurzschlusses einfache Regeln. Revolution anstatt Reform, Ausstieg
anstatt Anpassung. Komplexitätsreduktion durch die Flucht in eine
Welt vor der Technik, durch eine Glorifizierung der Welt vor dem technischen
Sündenfall, ohne allerdings näher auszuführen, mit welcher
Technik dieser einsetzt. Subtiler, aber im Kern nicht anders kritisiert
etwa Neil Postman das Technopol.
Während jedoch der Unabomber vor allem den Verlust der Autonomie
des einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt und das Leben in kleinen
Gemeinschaften feiert, will Postman den sozialen Kitt der Gemeinschaft
wieder durch große Erzählungen mit ihren gesellschaftlichen
Normen und Regeln herstellen, um den Menschen Orientierung zu geben und
wieder eine Verbindlichkeit zu ermöglichen.
Der Unabomber hat mit seinem Manifest wider die Industriegesellschaft,
das er durch seine Anschläge in die Öffentlichkeit brachte,
vielleicht einer steigenden, wenn auch diffusen Angst vor der scheinbar
unaufhaltsam voranschreitenden und nicht mehr zu steuernden Dynamik technischen
Fortschritts zu einem ersten Ausdruck verholfen.
Diese Angst trifft heute auf den entschiedenen Widerstand der Industrie,
der von der High-Tech abhängigen Bevölkerungsschicht und der
Politiker, die einzig durch technische Aufrüstung glauben, den von
ihnen vertretenen Standort retten zu können. In diese Zeit der Alternativenlosigkeit
gegenüber dem technischen Fortschritt, aus dem in der globalen Ökonomie
und Länderkon- kurrenz unter der Prämisse der Bewahrung des
Lebensstandards nicht auszusteigen ist und dem mehr und mehr die von einzelnen
Ländern erreichten sozialen und ökologischen Errungenschaften
weichen müssen, schlug das Manifesto
mit seiner radikalen Perspektive selbst wie eine Bombe ein.
Bedenklich aber stimmt, daß man mit der Figur des Unabomber sich
von
einer grundsätzlichen Kritik an unserer Gesellschaftsform überheben
will, die in vielem nur die Umkehrung des Determinismus der Technophilen
darstellt und ansonsten die weit verbreitete amerikanische Ideologie
der Frontier und des einzelnen verinnert hat.
Auch der Unabomber denkt nicht politisch und glaubt, die "alten"
rechten und linken Positionen der Industriegesellschaft hinter sich gelassen
zu haben, wenn nur die Technik abgeschafft wird, ähnlich wie die
Technophilen meinen, daß durch die Technik, etwa durch die Computernetze,
unmittelbar eine neue, direkte Demokratie entstehen wird, die auf das
Prinzip der Repräsentation
verzichten kann.
Bei aller Kritikwürdigkeit der demokratischen Verfahren und trotz
der Schwächung demokratischer Organe, die stets an ein Territorium
gebunden sind, durch die Globalisierung, wiederholen Technophobe und Technophile,
zumal wenn man bei ihnen anarchistischen und liberalistisches Gedankengut
ein unlösbares Amalgam eingegangen ist, den Fehler der großen
revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Die Kritik am Staat, meist verbunden mit der an parlamentarischen Verfahren,
und der Glaube, an ein übermächtiges System ausgeliefert zu
sein, vereint
trotz aller Differenzen Anarchisten, Kommunisten, Faschisten und Fundamen-
talisten jeder Art.
Der Unabomber und die "kalifornische Ideologie".
Menschliches Verhalten muß verändert werden, um sich den Bedürfnissen
des Systems anzupassen. Das hat nichts mit einer politischen oder gesellschaftlichen
Ideologie zu tun, die das technologische System steuert. Es ist der Fehler
der Technologie, weil das System nicht durch Ideologie, sondern durch
technische Zwänge gesteuert wird ... Die Revolution, die wir uns
vorstellen, schließt nicht notwendigerweise einen bewaffneten Aufstand
gegen jede Regierung ein.
Sie kann oder kann nicht von Gewalt begleitet werden, aber auf jeden Fall
wird sie keine politische Revolution sein. Ihre Zentrum liegt in der Technik
und der Wirtschaft, nicht in der Politik.
Ebenso wie der Unabomber stets beharrlich darauf hinweist, daß
er nicht politisch oder sozial motiviert ist, sondern einzig die Technik
für die
Quelle alles Übels ansieht, ist es heute gang und gebe geworden,
von einer Revolution der digitalen Technologie zu sprechen, die alles
verändern werde und mit der man zurechtkommen müsse. Tauscht
man das Leitbild der "wilden Natur" und des einfachen Lebens
als Hoffnungschiffren gegen den Cyberspace und den mit ihm verbundenen
Utopien aus, so bleibt kein großer Unterschied.
Auch der Unabomber kommt aus der kalifornischen Szene der alten, in den
60er Jahren trotz hochgerüsteter Musik meist gegen die Technik eingestellter
Hippies, die aus den Städten flüchteten und die ökologischen
Konsequenzen der Industriegesellschaft kritisierten. Bald jedoch ist diese
Szene in den Technorausch unter Weiterführung ihrer oft irrationalen
Mystizismen abgekippt und hat dadurch ein anderes, nämlich positives
Verhältnis zum Geld und zum Geschäft gefunden, mit dem sich
auch die Industrie und die Konservativen à la Gingrich arrangieren
konnten.
Stets operiert man durch die krude Antinomie von Gesellschaft und Gemeinschaft,
von Individuum und System - und glaubt, daß besonders die Struktur
des verteilten Netzes der individuellen Freiheit einen neuen Schub geben
könnte und daß sich dadurch ein Ausstieg aus der Komplexität
der Massengesellschaft finden ließe.
Schon die psychedelische Szene der 60er Jahre mit ihrem Leitbild der
Selbstverwirklichung sah in der Realität nur ein Konstrukt, das sich
jeder
Zeit beliebig durch Drogen oder Revolutionen verändern ließ.
Nachdem psychedelische Drogen, Landleben, Kommunen, freie Liebe und Buckminster
Fuller Dome sich als Sackgassen im Hinblick auf Gesellschaftsveränderung
erwiesen haben, erschienen Computer plötzlich in einem anderen Licht
und wurden zu einem neuen Weg in die Phantasiewelt, geprägt ebenso
von anarchistischen Träumen des Ausstiegs wie von Ökotopia,
Herr der Ringe und Science Fiction Szenarien. Nun erwartete man, wenn
man nicht zu den Grünen konvertierte, letztlich eine mehr oder weniger
gemäßigte Variante der Weltanschauung des Unabomber, die Revolution,
wie Mark Dery süffisant in Escape Velocity anmerkt, nicht mehr aus
der Aktivität von politischen Radikalen, sondern von den technologischen
Durchbrüchen der kapitalistischen Visionäre, die ein kybernetisches
Eden in Aussicht stellten.
Schon die primitiven Computernetze ließen mit ihrer textbasierten
Kommunikation die Bildung neuer Gemeinschaften und so einer Gegenkultur
entstehen, wie sie beispielsweise Howard Rheingold in seinem Buch Virtuelle
Gemeinschaften so rosig beschrieben hat.
Was auch immer geschehen mag, so ist gewiß, daß die Technologie
für die Menschen eine neue materielle und soziale Umwelt schafft,
die völlig
verschieden von derjenigen ist, an die die natürliche Selektion den
Menschen körperlich und geistig angepaßt hat. Wenn der Mensch
dieser neuen Umwelt nicht durch eine künstliche ingenieursmäßige
Transformation angepaßt wird, dann wird er es durch einen langen
und schmerzvollen Prozeß der natürlichen Selektion. Doch ersteres
ist viel wahrscheinlicher als letzteres. Es wäre besser, das ganze
verfaulte System zu zerstören und die Konsequenzen zu ziehen.
Einig sind sich die linken und rechten Netzutopiker beim Kampf gegen
jede staatliche Regulierung. "Demassifying" ist das Losungswort.
Gemeinsam ist ihnen auch, daß sie die sozialen Folgen bei der Einrichtung
der Informations- gesellschaft nicht diskutieren. Individuelle Freiheit
und Freiheit der Meinungsäußerung verbinden sich mit der Freiheit
des Marktes.
Vom Staat als einer Solidargemeinschaft, die den wirtschaftlichen Liberalismus
kompensiert und den sozialen Frieden durch Ausgleich zu wahren versucht,
hat man sich abgelöst. Richard Barbrook und James Cameron nennen
diese seltsame, auch schon in Europa verbreitete Haltung der neuen virtuellen
Klasse die kalifornische Ideologie.
Über die Verurteilung des Unabombers will man nicht nur die allgemeine
Kritik
an der Informationsgesellschaft lächerlich machen, sondern man führt
auch einen Prozeß gegen die linken Intellektuellen und gegen die
eigene Verwurzelung in der Szene der 60er Jahre, aus der einzig die Suche
nach Selbstverwirklichung und Fun zusammen mit dem Glauben, Avantgarde
und Gegenkultur zu sein, übrigblieben. Die schillernde und romantisierte
Figur des Hackers,
der an der technologischen Front steht und unerschrocken in die abgeschlossenen
Bereiche der Macht eindringt, um die Information frei zirkulieren zu lassen,
ist Vorläufer der Cyberpunks und der "virtuellen Klasse"
der hochbezahlten Spezialisten und High-Tech-Firmengründer. Verabscheuen
Sie Computer? Ärgert Sie die fortgeschrittene Industrie gesellschaft
zutiefst? Suchen Sie einen Fahrradweg auf dem Information Superhighway?
Luddites On-Line ist der einzige Ort im Cyberspace, der ausschließlich
den Ludditen, Technophoben und anderen Flüchtlingen
der Informationsrevolution gewidmet ist. (Luddites On-Line)
Aber der Unabomber hat mit seinem Manifest auch die Maschinenstürmer
wieder stärker ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit geholt.
Im Internet sei, so die New York Times, der Unabomber bereits ein Star.
Pathfinder hat eine Page für den Unabomber eingerichtet. Man kann
erwarten, daß mit der Durchsetzung der Informationsgesellschaft
und ihren teilweise verheerenden Folgen - duale Stadt, Arbeitslosigkeit,
Verarmung von breiten Gesellschafts- schichten, zunehmende wirtschaftliche
Konzentration etc. - auch der Widerstand gegen die virtuelle Klasse und
gegen die Technologie, den technologischen Fortschritt und die technischen
Utopien wächst. Selbst im Netz breitet sich die neue Stimmung aus,
geht es um die Ludditen, bilden sich Fangruppen und ist sogar eine ironisch-anarchistsche
Bewegung entstanden, die den Unabomber als Präsidentschafts- kandidaten
nominieren will, um die Wahl zu karikieren, die nur eine Farce sei, weil
das System zu mächtig ist, um anders verändert werden zu können.
(siehe auch
Lydia Eccles)
Mit den Boys wie Clinton, Gingrich, Powell, Perot, Forbes, Dole, Gramm,
Lugar, Alexander, Dornan, Keys etc. Ist nichts anzufangen:
Kann man sich überhaupt einen Kandidaten, eine Wahl oder eine Debatte
vorstellen, die die wirklichen Fragen behandeln? Der Unabomber hat wenigstens
eine Vision, er würde, wenn gewählt, nicht Präsident werden
und die Diskussion seiner Thesen hätte immerhin Unterhaltungswert.
Und überhaupt ist er vertrauenswürdig.
Die vom Unabomber gebrauchte Gewalt sollte ihn nicht für die Reflexion
disqualifizieren. Seine Bereitschaft und seine Fähigkeit, Gewalt
effektiv
einzusetzen, um strategische politische Ziele zu erreichen, zeigen nur
die entscheidenden Qualifikationen für einen Präsidenten.
Schließlich ist Colin Powells EINZIGE Qualifikation seine Leistung
als guter Killer.
Niemand hat ihn einen Massenmörder genannt oder gesagt, er sehne
sich
nach Aufmerksamkeit. Keiner der Präsidentschaftskandidaten hat den
Genozid des Golfkrieges verurteilt. ... Berufliche verursachte Tode und
Krankheiten ... Gewalt? Tod durch Krebs, verursacht durch Toxine in der
Luft, im Essen und am Arbeitsplatz ... Gewalt? Ein Mindestlohn, der weit
unter der Armutsgrenze liegt, mit Hunger, Stress, Krankheit und frühem
Tod als Folgen ... Gewalt? In den Medien wurde gerade die Rechtfertigung
für den Bombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki wieder ausgearbeitet
... Gewalt? Terror?
Und ein Geschäft will man auch mit dem Unabomber auf dem schnell
vergänglichen Aufmerksamkeitsmarkt machen. Schon stehen die ersten
beiden Bücher über Theodore Kaczynsky in der Warteschleife.
Bei Pocket Books wird der pensionierte FBI-Beamte John Douglas zusammen
mit einem Ghostwriter das Buch "Unabomber: On the Trail of America's
Most-Wanted Serial Killers" schreiben, das bereits Ende April erscheinen
soll. Und Nancy Gibbs wird bei Warner Books ihr Buch "Mad Genius:
The Odyssey, Pursuit, and Capture of the Suspected Unabomber" im
Mai veröffentlichen.
Florian Rötzer, 1994
(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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