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Die abendländische Idee von der Allwissenheit Gottes steht Pate bei
der Überwachung des Internet-Verkehrs
von Frank Böckelmann
Wenn nach der Eigenart Europas gefragt wird, beginnen unsere Vordenker
sogleich von der Vielfalt zu sprechen, und von der Offenheit für
Außereuropäisches. Das zu hören ist erfreulich, aber auch
tief entmutigend, besagt es doch, dass Europa außer seiner waghalsigen
Küstenlinie keine Konturen hat. Nur beim Sich-Nichtfestlegen, da
legt es sich fest. Dabei sind sie doch unübersehbar, die positiven
europäischen Eigenheiten. Eine von ihnen ist die jüdisch-christliche
Gewissheit, dass über allen Räumen ein Geist schwebt, der alles
sieht. Kein Sperling fällt hier zur Erde, ohne dass der himmlische
Vater es weiß. Herr, du erforschst mich und kennst mich,
sagt David im 139. Psalm. Ich sitze oder stehe auf, so weißt
du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne. Meine Eltern und sonstigen
Erzieher pflegten mir klarzumachen, dass es mich nicht vor Strafe schütze,
wenn ich, ohne ertappt zu werden, Comic-Heftchen klaute oder vom Eingemachten
naschte. Meine abtrünnigen Taten, Worte und Gedanken wurden im Hauptbuch
der Schöpfung protokolliert.
Vor ihm gewarnt zu werden, forcierte ungemein die Selbstreflexion und
den Sündenkitzel.
Die Rede vom Geist, der alles zählt, damit ihm nichts verloren geht,
ist wahrhaft abendländisch. Der Beweis: In Europa und Amerika (Neu-Europa)
wächst der Bevölkerungsanteil der Gottlosen unaufhaltsam. Doch
am Plan der allumfassenden Aufzeichnung und Speicherung wirken auch die
Ungläubigen mit. Europa ist heute der Name für eine Welt ohne
Transzendenz. Hier arbeitet man rastlos an einem weltumspannenden Netzwerk
der Inquisition. Schon heute tauchen etwa 60 Prozent der modernen Abendländer
mindestens einmal pro Woche ziellos ins Internet. Bald werden es Tag für
Tag 90 Prozent sein.
In präziser oder vager Absicht schicken sie Suchworte los, landen
auf Netz-seiten, wo sie das Gewünschte haarscharf verfehlen und bemerken,
dass die Absicht ein wenig anders verschlagwortet werden sollte. Sie werden
verlinkt, und los geht es mit dem Surfen, zu deutsch, dem Wellenreiten.
Wer wollte nun
noch behaupten, ein User zu sein, dass heißt, die meter- und haushohen
Wellen seinem Willen zu unterwerfen?
Nein, das entfesselte Element, das maßlose Angebot, führt ihn
hinweg zu immer neuen Anlegestellen. Dort stößt er sich nach
kurzem oder längerem Aufenthalt wieder ab, anderen Richtungsschildern
folgend.
Oder weil er die Landungsgebühren scheut oder Piraten in die Hände
geraten ist, die ihn ausgeplündert haben. Ob er sich treiben lässt
oder das Steuer seines Suchschiffleins fest umklammert, macht keinen Unterschied.
Der Surfer wird zum Fang des unvorhergesehenen Angebots, und das Protokoll
seiner Odyssee hält mehr von ihm fest, als er selbst und seine engsten
Angehörigen wissen.
Im Überbietungswettbewerb um zahlende Besucher orientieren sich die
Anbieter von Sexseiten an den grassierenden Lustseuchen. Die Kampagnen
gegen Kinderpornographie wirken offenbar ansteckend. Was ein, zwei Jahre
durch die Medien geistert, hat die Realitätsprüfung bestanden
und wird ins Programm aufgenommen. Jedenfalls sinkt auf den Vorschautafeln
das Durchschnittsalter der Mädchen von Jahr zu Jahr. Das Panoptikum
bietet jedoch noch ganz andere Überraschungen. Fast alle Dialer bündeln
sexuelle Extremismen.
Auf kurzem Weg rutscht man von girl zum amerikanischen Kosmos der mature-
und mom-Seiten. Der gewöhnliche Jugendbewegte sieht unversehens sein
schlummerndes inzestuöses Trachten ausgetestet bei Objekten
ab 40, ab 50, ab 60 und ab 70.
Aus lange Verdrängtem wie aus frisch Aufgedrängtem kitzelt das
Programm in etwa 300 Genres halbgare Appetenzen heraus: Amateur, Ass,
Bisexual, Black, Cumshot, Dirty, Facial, Fat, Gangbang, Housewife, Latin,
Nylon, Police, Pregnant, Russian, Secretary, Skinny, Stocking, Teacher,
Whore...Wo beginnen? Schwere Einbildungsarbeit steht dem Netz-Voyeur bevor,
sabotiert durch das Medium des Tischbildschirms, der den Blick gleichsam
verschluckt, jeden Abstand absorbiert. Je größer aber die Frustration,
desto schwerer die Schuld.
Zum Glück der polymorph Aufgeputschten agieren sie in den Körperkabinetten
selbst nicht mit wie die Kinder im interplanetaren Rollenspiel der Ragnarok-,
Pristontale-, Dragon Raja-, Tibia- und MU-Gemeinden. Hier mutiert der
Zwölfjährige im Schutz einer Nickname-Identität vom Spielkameraden
zum Killer, um den Tod seiner Freunde zu rächen. Bei eBay sucht die
Börsenmaklerin ein Paar Schuhe und ersteigert ein Porzellan-Service;
der Lehrer lädt sich für die Klassenfahrt ein Stadtporträt
herunter und gerät auf eine stundenlange Gruseltour durch Neonazi-Domänen.
In bestimmten Netz-Veranstaltungen geht das Surfen dem Einloggen voraus:
in den Chatrooms. Hier wählt sich eine Teilnehmerin je nach Partnerstruktur
womöglich vor jeder Sitzung ein anderes Inkognito: einmal zwanzig
Jahre jünger und unverheiratet, einmal transsexuell, einmal sie selbst
(verheiratet), aber enthemmt. Von der vermeintlichen Anonymität ermutigt,
lassen die Anwender beim Eintritt ins Netz den inneren Schweinehund von
der Kette; doch dieser erschnüffelt sich seinen eigenen Weg. Um Gewalt
und Quälereien machen die meisten dieser Hunde einen Bogen. Doch
eines Tages lockt sie die Witterung von Angstlust zu Kannibalen- und gore-Seiten
mit Fotos von Unfallopfern und Exekutionen. All dies ist ja nur einen
Tastendruck entfernt. Es ist nicht mehr als ein eingeklickter Gedanke.
Diese oder jene Adresse passierend, hier stundenlang, dort nur Sekunden
verweilend, beichtet der Surfer seine gesammelten Neugierden und deren
Intensität. Absolution erhält er nicht. Im Netz werden nicht
die Bedürfnisse von Individuen befriedigt, sondern flüchtige
Probelüste auf kalte, visuelle Weise abgefertigt. Trotzdem geht bei
den Teilnehmern die Angst vor dem großen unbekannten Beichtvater
um. Nachdem sie ihre Windows geschlossen und ihr Einzelleben wieder aufgenommen
haben, bangen sie vor der Entlarvung ihrer Gedankenverbrechen und öffentlicher
Schande. Schon heute sind die meisten Europäer und Amerikaner derart
von virtueller Schuld und obendrein von Verschuldung belastet (ein vertrautes
Dilemma des Abendlands). Vielleicht lassen sie deswegen viele politische
Zumutungen über sich ergehen.
Nach Umfragen von PC-Zeitschriften fürchten sich etwa 45 Prozent
der deutschen Internet-Besucher vor Anbietern, die mit Cookies, Datenerkennungs-Tools
und Web-Bugs ihre Kauf- und Sehinteressen ausspionieren, die IP-Nummer
und persönliche Daten ermitteln und Verhaltenprofile an Werbeagentu-ren
verkaufen. Knapp 42 Prozent vertrauen darauf, dass ihr Rechner gegen Ausspähversuche
geschützt ist, und 11,5 Prozent bleiben gelassen, weil sie nichts
zu verbergen haben.
Eine ganze Branche lebt davon, Internet-Sünder in Panik zu versetzen
und ihnen Dialerschutz und Waschprogramme mit Geheimfächern für
Schmuddeldownloads aufzudrängen. Sie sind in ernsten Schwierigkeiten!
droht ein deutscher Journalist, der sich sinnigerweise Big
Brother nennt, per E-Mail. Wie würden Sie sich fühlen,
wenn ein Schnüffler Ihre Frau, Ihre Eltern, Nachbarn und Kinder,
Ihren Chef, die Gemeinde und die Medien darüber informieren würde,
welche Websites Sie besuchen, welche Filme Sie dort gekauft und wo sie
sich eingeloggt haben... Das könnte Ihr Leben ruinieren. Lösen
Sie Ihre Probleme und ordern Sie jetzt sofort den Evidence Eliminator...
Mit jedem ungeschützten Augenblick erhöhen Sie die Gefahr, entlarvt
zu werden!
Doch diesen Schutz kann man auch billiger erhalten und ohne sich weiteren
Erpressungsversuchen auszusetzen. Das Bundesamt für Sicherheit in
der Informationstechnik empfiehlt unter bsi-fuer-buerger.de bestimmte
Tools, die den Arbeitsspeicher, die Registry und die Festplatte von Schnüffelsoftware
reinigen. Anonymes Surfen ist auch auf andere Weise möglich.
Man kann die Computer bestimmter Firmen als Filterstationen (Proxy-Server)
zwischenschalten oder den eigenen Computer so konfigurieren, dass er Identifizierungsversuche
der Betreiber von Websites ablehnt.
Können wir also die Spuren unserer Tastendruck-Exzesse hinter uns
verwischen? Können wir unsere kleinen Fluchten vor dem Blick des
Allwissenden verbergen? Mitnichten. Was die Cookies und Bugs von unserem
Treiben erhaschen, ist Stückwerk. Sie picken nur Verhaltensfragmente
für das Marketing heraus. Das befürchtete Gesamtprotokoll wird
anderweitig erstellt.
Im Netz geht nichts verloren, es werde denn gnädig gelöscht.
Aber ob und wann dies geschieht, erfahren wir nicht. Zwar gibt es Datenschutzvorschriften,
doch deren Einhaltung ist nicht zu kontrollieren.
Ja, liebe Anwender, unsere schlimmsten Träume sind Wirklichkeit.
Dennoch wäre Panik unangebracht, weil völlig vergeblich. Nicht
zuletzt deshalb ist das ganze Ausmaß der faktischen und möglichen
Überwachung im Fachchinesisch der Computerexperten tief vergraben.
Ich mache hier trotzdem einen unangemessenen Beschreibungsversuch
die Experten werden sagen, das
sei doch alles längst bekannt.
Internet-Dienste wie World Wide Web und E-Mail funktionieren, indem Zugänge
für Anwender geöffnet und Adressen einander zugeordnet werden.
In beiden Bereichen lassen sich Verbindungs- und Nutzungsdaten praktisch
unbegrenzt speichern. Ich gehe zunächst auf die Adressenkoppelung
ein, weil hier der Gedanke an Abspeicherung fern liegt. Damit im WWW der
Zugriff auf eine der heute etwa 350 Millionen Websites zustande kommt,
muss deren Name (z.B. Amazon.com) in eine numerische, zehnstellige
IP-Adresse übersetzt werden. Als Adress-Dateien fungieren die Server
des Domain Name System (DNS). Dieses ist hierarchisch gegliedert. Von
lokalen und Unternehmens-Servern aus geht die Anfrage an die Registrierstelle
eines bestimmten Landes (Top Level Domain) und dann an die oberste Ebene:
vierzehn DNS-Root-Server, von denen zehn in den USA und je einer in Japan,
Großbritannien, Schweden und Deutschland stehen. Das logistische
Herz des weltweiten Datenverkehrs ist der A-Root-Server in Virginia, beaufsichtigt
von der gemeinnützigen Internet-Verwaltung ICANN, jedoch zugleich
unter Oberaufsicht seiner Eigentümerin, der amerikanischen Regierung.
Hier erfolgt der letzte und verbindliche Adressenabgleich.
Auf allen DNS-Ebenen registriert man mit den Suchnamen und den gesuchten
Nummern auch die IP-Adressen der Sucher. Demnach lassen sich für
definierte Zeiträume sowohl die Besucher einer bestimmten Website
als auch mit etwas mehr Aufwand die Surfstationen eines
bestimmten Anwenders herausfiltern. (Die IP-Adressen bestimmten Personen
zuzuordnen, ist für Polizei und Geheimdienste in den allermeisten
Fällen nicht schwierig.) Nur der vermutete Bedarf und die eingeplanten
Kapazitäten begrenzen das Gedächtnis der Speicher. Strafverfolgungsbehörden
und Marktforscher stehen hier Schlange und dringen auf die Verlässlichkeit
der in der Whois-Datenbank des DNS gespeicher-ten Kontaktdaten. Im Visier
sind wirkliche und mögliche Cyberstraftäter, Cyberterroristen
und Cyberkunden. Dass auf der obersten DNS-Ebene amerikanische Abwehrdienste
in rasend schnell wachsenden Datenmengen wühlen, darf als sicher
gelten.
Die Erfassungsroutine der Betreiber von Einwahlplattformen ist besser
bekannt. Diese sogenannten Internet-Service-Provider (ISP) protokollieren
zu Abrech-nungszwecken, aber zunehmend häufiger auch zu Vermarktungs-
und Strafverfolgungszwecken die Verbindungsdaten der Anwender. Die größten
deutschen Zugangs- und Inhalts-Provider (T-Online, AOL Europe, Mobilcom
AG, Commundo, Mannesmann Arcor) speichern die Zugriffe der Surfer wie
Telefon-verbindungen ab und beziehen dabei ohne zunächst ersichtlichen
Grund auch die Flatratekunden ein. Umstritten ist die Aufbewahrungsdauer.
In Großbritannien und Frankreich und in den meisten anderen europäischen
Ländern sind die ISPs auf gesetzlicher oder Verordnungsbasis dazu
verpflichtet, die Internet-Nutzerdaten einschließlich der Abfragen
über Suchmaschinen in einem Zeitraum zwischen sechs Monaten und fünf
Jahren für mögliche Anfragen von Justiz- und Polizeibehörden
bereitzuhalten. In den Vereinigten Staaten wird praktisch jede Art vorbeugender
Überwachung toleriert.
Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen die Kontaktprotokolle
der Provider kurz nach dem Versenden der Gebührenrechnungen gelöscht
werden sollen und eine polizeilich gebotene Netzüberwachung nicht
nachträglich, sondern nur in Echtzeit erfolgen darf. Doch in den
anderen EU-Staaten ist die Vorratsdatenspeicherung bereits legal oder
steht in nächster Zeit bevor. Daher werden die Bemühungen auf
europäischer Ebene um die Angleichung der diesbezüglichen Rechtsvorschriften
auch die Speicherungspraxis in Deutschland den Überwachungsinteressen
anpassen sagen wir besser: die bestehende Praxis legalisieren.
Nicht einmal der Schutz durch Anonymisier-Dienste (Proxys) ist verlässlich,
wenn das Bundeskriminalamt bei Gefahr im Verzug einen richterlichen Beschluss
erwirkt.
Im Gegenteil wer sich verstecken will, macht sich erst recht verdächtig.
Viel Böses ist im Netz zu erjagen: Rechtsextremisten, Kinderschänder,
Anbieter von Killer-Spielen, Raubkopierer und Terroristen jeder Glaubensrichtung.
Außerdem sind die ISP mit der Medienindustrie verflochten. Diese
giert nach Nutzerprofilen und fahndet nach Urheberrechtsverletzern. Zwei,
wenn nicht drei der zehn Marktführer in Deutschland sind Bertelsmann
zuzuordnen. Ernsthaft zu glauben, man könne das planetare Netzwerk
des Datenverkehrs als autonome Sphäre inmitten der Mächte dieser
geschrumpften Welt einrichten, ist eskapistisch und somit verhängnisvoll.
Auch die schwindelerregende Expansion der Speicherkapazitäten senkt
die Hemmschwellen für die Erfassung aller Bewegungen, die mögliche
Straftaten indizieren oder später einmal Hinweise auf weitere, noch
unbekannte Delikte geben könnten. Die Wirklichkeit wird in Präventionspflicht
genommen auch das ist Virtualität. Der sogenannte Anwender
hinterlässt eine breite Datenspur, die immer wieder neu ausgewertet
oder auch völlig ignoriert werden könnte. So wie der Diener
des rächenden und barmherzigen Gottes nicht wusste, was ihm am Tag
des Jüngsten Gerichts hoch und übel angerechnet werden würde,
weiß der Teilnehmer im globalen Datenverkehr nicht, wie teuer ihn
die Gratisangebote zu stehen kommen. Man hat vor dem gläsernen Menschen
gewarnt; gekommen ist die jederzeit mögliche Gläsernheit. Dauernde
Ungewissheit zermürbt die peinliche Selbstbefragung. Ob unsere Bewegungen
richtig oder falsch, sozial oder asozial sind, wird sich irgendwann zeigen.
Das Gewissen delegiert sich in die Datenauswertung.
Denn schließlich ist die tägliche Durchleuchtung des Anwenders
im Internet nur eine von vielen Observationsarten. Systeme von Bewegungsmeldern
versetzen uns auch offline nahezu in einen Dauerzustand potenzieller Täterschaft:
beim Gehen (Anpeilung des Mobiltelefons mittels stiller SMS),
in öffentlichen Verkehrsmitteln (elektronisches Fahrgeldmanagement),
beim Autofahren in der Stadt (automatische Kennzeichen-Lesegeräte),
auf Fernstraßen (Satelliten-navigation und Video auf Kontrollbrücken),
beim Fliegen (Auswertung von Buchungsdaten), in Schulen und Institutionen
(dislozierte Kameras) und beim Einkaufen (Spuren des Kreditkartengebrauchs).
Fazit: Wir sind fast immerzu
auf irgendeine Weise online, zumal der Fernseh- und Hörfunkempfang
und die Bild- und Tonwiedergabe ins Internet integriert werden.
Als Individuen, die mit Eigensinn begabt sind, begehren wir gegen die
fortge-setzte Verletzung unserer Menschenwürde und Privatsphäre
auf. In tyrannos ist die alte und neue Losung. Gebieten wir dem Größenwahn
der Schnüffeldienste Einhalt. Und tricksen wir sie aus. Vergessen
wir aber nicht, dass wir die Ermächtigung des Überwachungsapparats
selbst nach Kräften fördern.
Nach jedem Anschlag, jeder Wurmattacke, jedem Übergriff auf Frauen
und Kinder, jedem Bericht über Machenschaften der organisierten Kriminalität
und jedem Betrugsfall beschuldigen wir die Kontrolleure, versagt zu haben.
Unter pädagogischem Blickwinkel verlangen wir eine strenge Zensur
der Angebote durch die Provider.
Gelassenheit im Unvermeidlichen gewinnen wir nicht durch gesetzgeberischen
Eifer zurück, sondern aus der Einsicht in die gleichsam natürlichen
Grenzen der Datenschnüffelei. Hinter einer bestimmten kritischen
Schwelle sinkt der Wert der gespeicherten Information mit dem Anwachsen
ihrer Gesamtmenge. Immer mehr Ermittlungsziele konkurrieren miteinander.
Die Datenverwaltung beansprucht einen zunehmenden Anteil der verfügbaren
Aufmerksamkeit und Arbeitskraft. Und die Ermittlungspraxis selbst unterliegt
der politischen Konjunktur.
Wir ereifern uns jeweils über drei, vier Bedrohungen; die anderen
werden aus-geblendet. Perfektion zieht Fahrlässigkeit nach sich,
totale Überwachung eine Kette von Abstimmungs- und Fahndungspannen.
Wir geben einen Teil unserer Souveränität an die Netze und Kontrollsysteme
ab, doch eben dies macht uns weniger angreifbar. Im Interesse der Effizienz
konzentrieren sich die Sicher-heitsbehörden jeweils auf wenige Stichworte
im Datenfluss.
Auf diese Weise erblinden sie. Es mangelt ihnen an Übersicht, anders
gesagt,
an Transzendenz. Freiheit ist heute auch eine Frage des Verzichts auf
Komfort.
Wenn wir unaufwendig leben, unerreichbar sind, bar zahlen und zu Fuß
gehen, geraten wir außer Kontrolle und treten aus den Netzen
in den Wald der Welt.
FRANK BÖCKELMANN
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)
siehe auch Interview Paul
Garrin und Manifesto
- diverse Fassungen
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